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Titelthema
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Die Last der Lust
Der Mensch ist ein „Gewohnheitstier“. Es gibt nichts, was ihn nicht süchtig machen kann. Der Ursprung aller Sucht ist ein Ablauf im Gehirn: der Belohnungsmechanismus.
Ob Schmerz, Sport, Suff oder Sex – wir Menschen werden auf alles und jedes süchtig: auf süße, scharfe oder gar keine Speisen, zu viele Speisen und sogar auf gesundes Essen. Wenn Sie also morgen Früh Ihrem Kind die „gesunde Jause“ in sein Kindergartentascherl einpacken, denken Sie daran: Auch zu viel des Gesunden könnte süchtig machen. Ärzte nennen diese Krankheit Orthorexia nervosa. Die Betroffenen finden nur mehr Befriedigung, wenn Sie meinen, das „Richtige“ gegessen zu haben. In späteren Phasen tritt oft die bekanntere Bulimie hinzu, die Ess-Brech-Sucht. Wenn sie etwas „Falsches“ gegessen haben, erbrechen sie es. Wem die Abhängigkeit von gesundem Essen nicht exotisch genug ist: Der Mensch kann auch darauf süchtig werden, sich Augenbrauen, Wimpern und Schamhaare auszureißen. Auch dafür haben Ärzte einen Namen: die Trichotillomanie. Erschwerend kommt hinzu: Wer die Sucht in eine Richtung entwickelt, wird vom Schicksal mehrfach bestraft. Wer an Bulimie leidet, wird oft auch nach Selbstverletzungen süchtig, und zwar laut einer Studie zu 75 Prozent; nach derselben Untersuchung greifen 34 Prozent der Bulimie-Kranken auch zu oft zu Wein, Bier, Schnaps und Likören und 22 Prozent sind von illegalen Drogen abhängig. Ärzte nennen diese Vielseitigkeit in Sachen Sucht Multimorbidität. Auch bei Heroinsüchtigen spielt sehr oft eine zweite Abhängigkeit eine Rolle: Die Sucht nach dem Einstich mit der Nadel. Sie berichten von der „Faszination, wie die Kanüle in die Haut einfährt.“ Möglicherweise ist diese Zweitabhängigkeit mit ein Grund, warum sich Heroin-Zigaretten gegenüber der Spritze nicht durchgesetzt haben – obwohl sie unproblematischer wären: Man braucht kein „Besteck“ (Spritze, Löffel, Feuerzeug etc.) und man läuft weniger Gefahr, sich mit Aids anzustecken.
Abschreckend
Noch in den achtziger Jahren glaubten Suchtexperten, man müsse Jugendlichen nur vor Augen halten, wohin Drogensucht führen könne – geradewegs in die Gosse. Buch und Film „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ wanderten durch die Klassenzimmer im deutschsprachigen Raum, mit all seinen Grausamkeiten: den Schmerzen, die die Hauptdarstellerin Christiane F. aus Berlin während des Heroin-Entzugs durchmachte, die erzwungene Prostitution, das Erbrechen und die Schlaflosigkeit des Mädchens. Die Experten waren fest davon überzeugt: Wenn unsere Kinder das sehen, greifen sie Heroin und Kokain erst gar nicht an. Sie irrten. Forscher wiesen nach, der Prozentsatz Suchtgefährdeter unter Jugendlichen, die von Christiane Fs. Schicksal wussten, war doppelt so hoch wie der Prozentsatz Suchtgefährdeter unter Jugendlichen, die noch nie etwas von der heroinabhängigen Berlinerin gehört hatten. Dabei hätte es die Menschheit spätestens seit 1954 wissen müssen. Damals passierte einem Forscherteam um James Olds und Peter Milner in den USA bei einem Versuch ein kleiner Fauxpas: Sie setzten einer Ratte eine Elektrode in einen Gehirnbereich ein, den sie gar nicht beabsichtigten, und entdeckten das „Vergnügungszentrum“: Statt in die Ecke zu laufen, wo es Futter gab, lief die Ratte immer wieder in jene Ecke, in der ihr die Forscher einen Stromschlag durch die Elektrode ins Gehirn verpassten. Die Ratte wurde süchtig nach dem Strom. Als Olds und Milner feststellten, dass die Elektrodensonde nicht in dem Gehirnareal steckte, wo sie sie ursprünglich platzieren wollten, änderten sie ihre Taktik. Sie ließen die Sonde, wo sie war und ordneten den Versuch so an, dass sich die Ratte den Schlag in ihr „Vergnügungszentrum“ selbst verabreichen konnte. Sie tat es – buchstäblich bis zum Umfallen. Bis zu 5.000-mal pro Stunde setzte sich die Ratte unter Strom, indem sie auf die Taste drückte, die die Elektrode in ihrem Gehirn aufleuchten ließ. Sie konnte nicht aufhören, selbst als sie fast bewusstlos war.
Belohnungssystem
Heute wissen Suchtforscher, Sucht wird durch das körpereigene Belohnungssystem ausgelöst, egal durch welchen Suchtstoff, egal, ob es sich um einen Stoff handelt oder eine Handlung wie das Spielen. Heroin, Kokain & Co regen die Produktion körpereigener, aufputschender oder dämpfender Botenstoffe im Gehirn an – oder sie haben eine ähnliche Zusammensetzung. Kokain zum Beispiel lässt den Dopaminspiegel auf das Fünfzehnfache des Normalzustands explodieren. Der Botenstoff Dopamin gilt als Antriebsfaktor Nummer eins im Gehirn des Menschen. Suchtforscher vermuten, wer als Kind gelernt hat, das Belohnungssystem durch verschiedene Mechanismen im Gehirn aufleuchten zu lassen, ist weniger suchtgefährdet. Viele von ihnen werden nicht einmal von Nikotin abhängig. Solange das Belohnungssystem ein Selbstverwaltungsorgan mit vielen Möglichkeiten ist, ist die Gefahr gering. Wer sein Belohnungssystem immer wieder durch externe Reize und Stoffe in Gang setzt, verlernt, es unabhängig zu nutzen – unabhängig im wahrsten Sinne des Wortes. Erst dreißig, vierzig Jahre nach der Entdeckung des „Vergnügungszentrums“ durch Olds und Milner setzte bei den Suchtexperten ein Umdenken ein. Nicht die Drogen sollten verteufelt werden, sondern die Jugendlichen sollten lernen, ihr körpereigenes Belohnungssystem zu nutzen, und zwar vielseitig. Nicht die Unterscheidung zwischen „legalen“ und „illegalen“ Drogen und nicht die Unterscheidung zwischen „stofflichen“ und „nicht stofflichen“ Abhängigkeiten sei wichtig, sondern der Umstand, dass das Gehirn mit der Zeit, je nach dem wie es benutzt wird, nur mehr auf einen Mechanismus mit Belohnung reagiert. Der Unterschied zwischen den verschiedenen Süchten liegt allein in der Geschwindigkeit, wie sie abhängig machen. Durch direktes Eingreifen in das Botenstoffsystem des Gehirns über die Blutbahn machen beispielsweise Drogen wie Heroin oder Kokain rascher abhängig als „nichtstoffliche“ Mechanismen, wie Spiel-, Schmerz-, Fett- oder Magersucht.
3 Millionen mal 200 Impulse
Der Wirkmechanismus von Kokain & Co und dem Glücksspiel & Co ist derselbe: Zum Gehirn des Menschen ziehen aus dem Körper und den Sinnesorganen zwei bis drei Millionen Nervenfasern, von denen jede zweihundert Impulse pro Sekunde an die Zentralstelle des Menschen abgibt. Um mit dieser Fülle zurecht zu kommen, versucht das Gehirn, die Impulse vorauszusagen. Auf Impulse, die das Botenstoffsystem mehr anregen als erwartet, reagiert das Gehirn mit besonderer Aktivität. Es identifiziert solche Reize als positives Beispiel für angenehme Erregung, die in Zukunft bevorzugt behandelt werden sollten. Regel Nummer eins daher: Das Gehirn sucht Lösungen, die es zur Vorhersage künftiger Impulse jederzeit wieder anwenden kann. Regel Nummer zwei: Besonders positiv empfundene Lösungen werden als „große Lösungen“ besonders gut erinnert. Regel Nummer drei: Besonders überraschende Lösungen werden als besonders positiv abgespeichert. Regel Nummer vier: Je öfter diese Lösungen zur Lösung eines Problems beitragen, desto breiter werden die dabei aktivierten Nervenbahnen ausgetreten und desto tiefer graben sie sich ins Gedächtnis ein. Regel Nummer fünf: Je mehr all diese Regeln erfüllt werden, desto schwerer sind die dabei breitgetretenen Nervenbahnen wieder klein zu kriegen. Sucht ist nicht nur eine Konzentration auf ein Aktivierungsmuster im Gehirn, sie ist auch eine Verarmung des restlichen Nervennetzes.
Die Sucht nach Schmerzen
Es sind Vorgänge im Gehirn und eine ganze Reihe von Randbedingungen, die den Menschen süchtig nach Schmerzen machen können. Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre drückten sich Punks ein, höchstens zwei Sicherheitsnadeln durch die Augenbrauen oder durch die Nasenwände – aus Protest gegen sich und die Welt. Die Welt jedenfalls reagierte meist geschockt. Heute lassen sich siebzig Prozent der Amerikaner durch Piercings schmücken. Sie stechen sich die Nadeln durch Zunge, Zahnfleisch, Nabel und in Genitalien. Drei von vier „Gepiercten“ haben mehr als einen Nadelschmuck oder Ringlein in der Haut stecken – bis hin zum „Lizzardman“, einem Amerikaner, der am Kopf ein Drachenschuppenmuster eintätowiert hat, die Zunge gespalten hat und die Zähne zugespitzt. Bis zu zwanzig Piercings in einem Körper sind keine Seltenheit. Die meisten mehrfach „Gepiercten“ lassen sich die Nadeln in immer kürzer werdenden Zeitabständen stechen – typisches Anzeichen einer Sucht. Eine 40-jährige Amerikanerin berichtet, sie habe sich 18 ihrer 20 Piercings in den vergangenen neun Monaten setzen lassen. Erich Kasten berichtet in seinem Buch „Body-Modification“ (siehe Kasten) von einer Frau, die als „Princess of Pain“ („Schmerzprinzessin“) auftrat. Sie legte sich bei jeder ihrer „Cut Throat Freak Shows“ („Verrücktes-Kehledurchschneiden-Show“) auf ein Bett von fünfzig Nägeln und verlangte von einem Mann aus dem Publikum, sich auf sie zu stellen. Sie berichtete, dabei empfinde sie „Entspannung, gemischt mit Schmerz und Freude.“ An einem der Show-Abende forderte sie erst einen, dann einen zweiten Gast auf, sich auf sie zu stellen. Obwohl sie spürte, dass sich einer der Nägel durch ihren Hintern bohrte, bat sie einen weiteren Zuschauer auf die Bühne. Er solle sich auf ihren Brustkorb stellen. Der Mann stellte sich mit einem Fuß fast auf die Kehle der Frau. Es bohrte sich ein weiterer Nagel durch den Rücken der Betretenen. Trotz der Angst, der Stahlstift könne sich durch den Spinalkanal im Rückenmark drängen und die Frau für immer lähmen, harrte sie unter den 175 Kilogramm aus. Als die Männer abtraten und sie aufstand, war ihr Rücken blutüberströmt.
Lust und Schmerz
Schmerz, Lust und Euphorie liegen im Gehirn eng beisammen. Schmerz und Freude bedienen dieselben Gehirnareale, nur in unterschiedlicher Intensität (Schmerz stärker) und in unterschiedlicher Relation. Wichtigste Gemeinsamkeit: Ein hoher Gewinn, den ein Spieler vor Augen hat, aktiviert im Gehirn des Menschen den Nucleus accumbens, einen Nervenkern im Zentrum des Gehirns (limbisches System). Dieser Kern ist Teil des „Vergnügungszentrums“ und bekannt für seine glücklich machende Wirkung, indem er den aufputschenden Botenstoff Dopamin in das bewusstseinsfähige Vorderhirn ausströmen lässt. Genau der Nucleus accumbens ist es, der auch in den ersten Momenten des Schmerzes Dopamin ausstößt. Danach klingt seine Aktivität wieder ab und andere Gehirnbereiche verarbeiten die Schmerzinformation weiter. Der Dopaminausstoß erfolgt in erster Linie, um die Stärke des Schmerzes zu dämpfen. Durch die Aktivität des Nucleus accumbens werden zudem körpereigene Glücksbotenstoffe erzeugt, die Endorphine. Auch sie haben die Funktion, den Schmerz zu unterdrücken. Vermutlich soll das den Körper handlungs- und vor allem fluchtfähig erhalten, trotz seiner Verletzung. Eine dritte körpereigene Chemikalie strömt fast immer durch das Gehirn, wenn seine Nervenzellen hoch aktiv sind: die Endocannabinoide – ein Botenstoff, der dem Cannabis aus der Wasserpfeife sehr ähnlich ist und dieselbe Wirkung hat, nämlich dämpft. Endocannabinoide umspülen aktive Nervenverbindungen, um zu verhindern, dass sie überhitzen. Das Süchtigmachende an diesem Mechanismus ist: Je stärker die Schmerzinformation, desto stärker sind der Dopaminausstoß und die Erzeugung von Endorphinen. Nach der Überschwemmung des Gehirns mit Dopamin sinkt der Dopaminspiegel wieder ab, und zwar weiter als bei Nichtsüchtigen. Das macht das Verlangen nach einem neuen Dopaminschub um so heftiger. Wer von Kokain, Glücksspiel, Schmerzreizen oder anderem abhängig ist, hat einen niedrigeren Normalpegel an Dopamin. Sein Gehirn weist auch weniger D2-Rezeptoren auf, das sind Dopamin-Aufnahmestellen an den Nervenfasern. Ob das Ursache oder Wirkung der Sucht ist, ist noch nicht erforscht.
Nicht alles schmerzt, was schmerzt
Zu all dem kommt hinzu, dass das Gehirn nicht jeden Schmerzreiz automatisch als negativ einstuft und dass nicht jedes Gehirn auf denselben Schmerzreiz positiv oder negativ reagiert – warum das so ist, kann die Wissenschaft noch nicht beantworten. Beim Erleben von Schmerzen kommt eine Reihe von psychologischen Faktoren hinzu: Etwa die Erwartung, wie stark der Schmerz sein könnte; dabei wiederum spielt das Schmerzgedächtnis eine Rolle. Hat der Betroffene den erwarteten Schmerz schon einmal erlebt, erinnert sich sein Gehirn ganz bestimmt daran. Schmerzreize speichern sich besonders gut ab, weil sie emotional im limbischen System intensiv bewertet werden. Dabei kommt es auch darauf an, mit welchen Reizen das Gehirn bei der Erstabspeicherung gleichzeitig konfrontiert war. War es zu dieser Zeit etwa mit dem Stresshormon Cortisol überschwemmt, kann es zum Ausfall der Schmerzerinnerung gekommen sein. Das Cortisol besetzt in diesen Fällen die Aufnahmestellen am Gedächtniseinspeicherer des Gehirns. In der Regel aber schlägt der Schmerz eine ganz besonders breite Kerbe in das Gedächtnissystem des Gehirns. Hat der Betroffene einen Schmerz schon oft erfahren, kann ein gewisser Gewöhnungseffekt eintreten – muss es aber nicht. So kommt es, dass manche Menschen manchen Schmerz erotisch finden, dass sie dabei eine Art Rausch erleben bis hin zu tranceähnlichen Zuständen, dass sie sich mit einem Messer tiefe Fleischwunden in die Arme ritzen, dass sie ihren Kopf in ein Plastiksackerl stecken und es lustvoll finden, wenn sie dabei fast ersticken – und dass sie die Reaktion ihres Gehirns auf diesen Schmerz immer und immer wieder erleben wollen und letztlich süchtig danach werden, egal aus welchem Grund sie damit begonnen haben.
Gute Gründe
Der Grund für die erste Selbstverletzung, das erste Piercing, Tattoo oder Ähnliches ist oft Gruppendruck, Neugier, Mutproben und Nachahmung. Die „Gepiercten“ wollen sich ein individuelles Aussehen verpassen oder „protestieren“ – gegen was auch immer. Manche legen sich das erste Piercing im Alter von vierzig Jahren zu. Oft ist das mit einer Lebenskrise verbunden oder die Folge eines „einschneidenden“ Erlebnisses. Andere haben religiöse Gründe. Manchmal ist es der Wille nach „Grenzerfahrung“, die die Menschen antreibt. Grenzerfahrungen sportlicher Natur tragen für den Menschen fast immer ein hohes Suchtpotenzial in sich. Der Grund dafür ist die Ausschüttung von Endorphinen nach etwa zwanzig Minuten hoher körperlicher Belastung. Wer schon einmal einen Marathon gelaufen ist, kennt den Rauschzustand im Zieleinlauf. Suchtexperten nennen ihn „Runner’s High“. Ähnlich funktioniert das bei scharfen Speisen. Der an sich geruchs- und geschmacksneutrale Stoff Capsaicin ist es, der das Gehirn über den Trigeminusnerv überreizt. Der dabei ausgelöste Schmerz führt zu einer Ausschüttung von Endorphinen und zum „Chili-High“, wie Suchtexperten den Zustand nennen, der durch übermäßiges scharfes Essen ausgelöst werden kann. Wer öfter und in kurzen Abständen durch körperliche Hochleistung eine Endorphinen-Überschwemmung in seinem Gehirn auslöst, lehrt seinem Denkorgan eine „große Lösung“ kommt durch Sport zustande, und das Gehirn verlangt vom Körper immer wieder diese Leistung, die zur Belohnung führt.
Vom Kräftemessen zum Fressen
Viele Sportler berichten von Unlust, Frustration bis hin zu Depressionen, wenn sie etwa verletzungsbedingt keinen Sport betreiben können. Bei Heroinsüchtigen würde man das als „Entzugserscheinungen“ bezeichnen. Fans wundern sich oft über ihre ehemaligen Sportidole, wenn sie sie nach Jahren im Fernsehen wiedersehen: Viele Maradonnas der Sportwelt haben extrem an Volumen zugelegt. Das ist ein Phänomen, das auch bei ehemaligen Heroinabhängigen häufig auftritt. Der Grund: Die Süchtigen purzeln von einem Suchtspielfeld aufs nächste und besorgen sich den Endorphinen-Kick nicht mehr durch Sport oder Heroin, sondern durch das Essen und nicht selten auch durch Alkohol – das nur vermeintlich geringere Übel im Vergleich zu Heroin. Speziell Kohlehydrate und Speisen generell bewirken im Gehirn die Freisetzung von Glücksbotenstoffen. Wieder steht der Nucleus accumbens im Mittelpunkt der Reaktionen des Gehirns. Wieder sind es das Dopamin, Endorphine und Endocannabinoide, die die Ganglien benebeln und nach immer höheren Dosen der Droge verlangen – zum Beispiel nach der Droge „Essen“. Dass das Belohnungsprinzip auf eingenommene Mahlzeiten reagiert und besonders auf kohlehydrathaltige, hat seinen Grund vermutlich im Selbsterhaltungstrieb. Das Gehirn setzt Nahrung mit Wachstum gleich. Es ist kein Zufall, dass das Belohnungssystem des Neuzeitmenschen besonders auf süße Schokolade reagiert. Zucker steht für das Gehirn für besondere Nahrhaftigkeit. Kinder und Jugendliche, die noch im Wachsen sind, verfügen auch mehr als Erwachsene über Aufnahmestellen im Gehirn für das Zuckerhaltige. Deshalb sind Kinder besonders empfänglich für Süßigkeiten. Das Gehirn reagiert aber auch auf Hunger mit einer Aktivierung von Endorphinen. Sie haben in diesem Fall vermutlich die Funktion, die letzten Reserven des Körpers in Gang zu setzen. In der Gefühlswelt erleben das die Betroffenen als Gefühl der Fröhlichkeit bis hin zur Aufgedrehtheit. Ein weiterer Faktor beim Hungern ist das Erfolgserlebnis, wenn sich die Abnehmsüchtigen auf die Waage stellen und wieder um ein, zwei Kilos weniger wiegen als beim letzten Mal. Wenn dann noch das Umfeld mit bedauernden Blicken angesichts eines Knochengerüsts reagiert, kommt der erwünschte Mitleidseffekt hinzu. Er wird von den zwanghaft Hungernden als Zuwendung und geschenkte Aufmerksamkeit erlebt. Psychoanalytiker orten als mögliche Ursache für die Sucht nach dem Abnehmen eine „Abwehr sexueller Wünsche“. Da Frauen und Mädchen auch an Busengröße und Hüftumfang abnehmen, würden sexuelle Signale abgeschwächt. Häufig treten Magersucht und Selbstverletzungen bei Frauen und Männern auf, die in der Kindheit sexuell missbraucht wurden. Bei ihnen spielen selbst auferlegte Schuldgefühle eine große Rolle. Mit all diesen biologischen Faktoren im Gehirn, sowie den psychologischen und sozialen Nebeneffekten kann der Mensch auch auf Hunger süchtig werden – was im Volksmund als Magersucht bezeichnet wird. Auf einen magersüchtigen Mann kommen dreißig magersüchtige Frauen. Erstmals in der Medizin erwähnt wurde die Magersucht Ende des 17. Jahrhunderts – als „nervöse Schwindsucht“.
Zerstörte Schranke
Abgesehen davon, dass Drogen das Botenstoffsystem im Gehirn gehörig auf den Kopf stellen, sind sie Meister im Durchbrechen der Blut-Hirn-Schranke. Sie wurde von der Natur erfunden, um zu verhindern, dass nicht erwünschte Gäste in die Schaltzentrale des Menschen gelangen können. Immerhin fließt der Nährstoffversorger Blut in einer Bahn durch das Gehirn, die so lang ist wie die Strecke Wien – Venedig (650 Kilometer). Die Blutgefäße sind dreifach abgesichert. Ein Mechanismus schottet sie innen ab, ein zweiter außen und der Dritte sorgt dafür, dass unerwünschte Stoffe, die dennoch ins Gehirn gelangen, umzingelt und wieder hinausbefördert werden. Viele Drogen schaffen es, diese Schranke zu umgehen, zu überlisten, sich als erlaubte Botenstoffe zu verkleiden oder die Blut-Hirn-Schranke einfach zu durchbrechen. Letzteres gilt als Spezialität von Ecstasy. Die Aufputscherdroge durchbricht den Grenzbalken wie ein Rammbock. Sie richtet dabei einen Schaden an, den die Wissenschaft erst zu begreifen beginnt. Vor etwa einem Jahr stellten Forscher fest, dass Ecstasy bei Ratten die Blut-Hirn-Schranke auf eine Dauer von zehn Wochen außer Gefecht setzt. Die Gehirne der Tiere nahmen jegliche Krankheitserreger auf, die sonst innerhalb der Blutschranken geblieben wären. Zehn Wochen im Leben einer Ratte entsprechen etwa fünf bis sieben Menschenjahren. Nikotin und Alkohol übrigens schädigen auf lange Sicht den Freude spendenden Hauptdarsteller des Glückssystems im menschlichen Gehirn, den Nucleus accumbens.
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